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Gegründet in Berlin am 4. November 1809

Hans v. Meibom


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Meibom, Hans v. (* 11.7.1879 in Hannover; + 18.11.1960 in Berlin)

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1914-1933 Landrat des Kreises Meseritz. Eine der bemerkenswerten Gestalten der Geschichte unserer Heimat in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts war Hans v. Meibom, der am 1.8.1914, dem Tage des Ausbruchs des 1. Weltkrieges, die Verwaltung des Kreises Meseritz - zunächst als kommissarischer Landrat - übernahm und dieses Amt bis 1933 ausübte. Obwohl er nicht aus dem Osten stammte, war er schon damals, seit 1906, im Osten tätig gewesen und schreibt von sich in der Geschichte seiner Familie, daß ihn schon damals die Probleme des Ostens gefangen genommen hätten. Diese Liebe zu seiner Wahlheimat ist er - trotz aller Enttäuschungen - bis zu seinem Tode am 18.11.1960 treu geblieben. Als er den Kreis Meseritz übernahm, galt dieser als schönster Kreis der Provinz Posen. Seine erste Aufgabe was das Öffnen der Mobilmachungsschränke und damit begann für ihn die immer schwieriger zu meisternde Aufgabe der Kriegswirtschaft, für die damals der Landrat zuständig war. Wegen seiner starken Kurzsichtigkeit militärisch nicht ausgebildet, wurde er, wie alle derartigen Landräte, nicht zum Kriegsdienst eingezogen. Dies war für den Kreis von großer Bedeutung, da auf diese Weise die Verwaltung nicht den gleichen Belastungen unterworfen war wie andere Kreise, in denen ein dauernder Wechsel der verantwortlichen Persönlichkeiten eintrat. Seinen Kreis führte er bis zum Zusammenbruch mit Erfolg durch die schwierige Kriegswirtschaft hindurch und war daneben in einer Anzahl provinzieller kriegswirtschaftlicher Organisationen tätig.

Der unglückliche Kriegsausgang und der polnische Aufstand stellten ihn in die erste Linie der Verteidigung des Kreises. Bei den Kämpfen um den Kreis gelang es ihm zusammen mit tatkräftigen Persönlichkeiten aus dem Kreise, insbesondere dem Grafen Dohna zu Hiller-Gärtringen, mit dem er persönlich befreundet war, den Polenvorstoß im Kreise Meseritz zum Stehen zu bringen und ihnen durch Aufstellung eines örtlichen Grenzschutzes bis zum Eintreffen militärischer Hilfskräfte zum größten Teil zur halten. Nachdem im Versailler Vertrag mehr als 1/3 des Kreises Meseritz den Polen zugesprochen wurde, wurde er in die zur örtlichen Festlegung der Grenze gebildeter internationale Grenzkommission berufen, die ihre Tätigkeit im Jahre 1920 in Paris begann. Bei den Verhandlungen der Grenzkommission gelang es ihm, die Stadt Tirtschtiegel, die im Friedensvertrag zur Hälfte Polen zugesprochen war, Deutschland zu erhalten. Die Stadt dankte ihm hierfür durch die Verleihung des Ehrenbürgerrechts.

Das nun folgende Jahrzehnt sei ihm in stetigen Kampf mit preußischen Regierungen, die nur ein begrenztes Interesse an der Entwicklung der durch Krieg und Abtretung an Polen schwer angeschlagenen Ostgebiete hatte. Da hierzu seine Stellung als Landrat nicht ausreichte, um wirkliche Erfolge zu erzielen, erklärte er sich bereit, ihm angebotene Positionen anzunehmen, die weit über das normale Amt eines Landrats hinausgehen. Im Jahre 1921 wurde er als Vertreter der in der Bildung begriffenen Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen in den neuen Preußischen Staatsrat gewählt und gehörte ihm nach zweimaliger Wiederwahl bis zum Jahre 1933 an. Im Staatsrat war er besonders im Gemeindeausschuss als dessen stellvertretender Vorsitzender und in den letzten Jahren als Vizepräsident des preußischen Staatsrats zusammen mit dessen Präsidenten Konrad Adenauer tätig.

Von 1922 bis 1931 gehörte er dem Provinziallandtag der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen an und wurde 1931 in den Provinzialausschuss entsandt. Seit 1922 war er Vorstandsmitglied des preußischen, seit 1929 auch Vorstandsmitglied des deutschen Landkreistages und jahrelang Vorsitzender des grenzmärkischen Landkreistages.

Seine Hauptaufgabe aber war der Aufbau des durch die Grenzziehung durchschnittenen Kreises Meseritz und die Mitarbeit am Aufbau der neuen Provinz. In dieser Zeit wurden im Kreise Meseritz die weitgehend durch die Grenzziehung zerschnittenen Straßenführungen wieder zu einem organischen System zusammengefügt. Eine Reihe neuer Brücken entstanden, die Obra wurde reguliert und ihr Vorgelände durch große Milliorationen nutzbar gemacht. Es gelang, den neuen Eisenbahnknotenpunkt für den Übergang nach Polen für den Kreis Meseritz, und zwar eingestellt der neuen Siedlung Neu Bentschen, zu gewinnen, Landaufkäufe durch polnische Strohmänner wurden verhindert und das aufgesiegelte Rittergut Großdammer aufgeforstet. Das Sparkassenwesen des Kreises wohl geordnet und erwies sich als wertvolles Finanzierungsinstrument beim Wiederaufbau.

Im Herbst 1932 wurde ihm das Oberpräsidium der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen angetragen. Obgleich es ihm sehr schwer fiel, seinen Kreis, mit dem er fest verwachsen war, zu verlassen, nahm er den Ruf an, zumal die Beförderung vom Landrat zum Oberpräsidenten in der preußischen Verwaltung ganz ungewöhnlich war. Am 15. Januar 1933 ging er zunächst kommissarisch nach Schneidemühl und übernahm am 1. April 1933 das Amt des Oberpräsidenten und gleichzeitig des Regierungspräsidenten der Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen.

Damit endete seine unmittelbare Verbindung mit dem Kreise Meseritz. Bereits im Juni 1933 stellte er sein Amt als Oberpräsident zur Verfügung, da die Praktiken des Nationalsozialismus von ihm als alten preußischen Verwaltungsbeamten nicht gutgeheißen werden konnten. Als er Anfang 1933 den Kreis verließ, dem seine Lebensarbeit durch 18 Jahre gegolten hatte und durch die er dieses Gebiet wieder zu einer neuen Blüte geführt hatte, wurde er hoch geehrt. Neben den Ehrenbürgerbriefen von Tirschtiegel und Meseritz wurde in Neu Bentschen eine Straße nach ihm benannt. Ende 1933 waren ihm beide Ehrenbürgerbriefe aberkannt, die Straße wieder umbenannt und über ein halbes Jahr hatte ein sogenannter Korruptionsausschuss die Akten seiner Amtstätigkeit durch 18 Jahre durchgewühlt, ohne das geringste an Unkorrektheiten zu finden.

Er selbst lebte in Berlin während der Zeit des Nationalsozialismus zurückgezogen, aber seine Verbindungen zum Kreis blieben lebendig. Er machte die Bevölkerung seiner Wahlheimat nicht für das Verhalten einer kleinen Gruppe verantwortlich. Bis 1944 hat es keinen Etat des Kreises Meseritz gegeben, den Beamte der Kreisverwaltung, die heimlich zu ihm nach Berlin fuhren, nicht in allen Einzelheiten mit ihnen durchgesprochen hatten. Die alten Freundschaften und Vertrauensverhältnisse blieben ungetrübt. Immer wieder wurde er von seinen alten Beamten um Rat gebeten und hatte ihn ohne jede Bitterkeit gewährt.

Die Trauerfeier zu seinem Tode 1960 in Berlin wurde spontan zu einer Dokumentation alten preußischen Beamtentums. In kurzen nach Inhalt und Form geschliffenen Sätzen, bekundeten spontan alte angesehene Beamte der preußischen Verwaltung, mit denen er in seinen vielseitigen Positionen zusammen gearbeitet hatte, dass hier ein Mann besonderer Art und Qualität zu Grabe getragen wurde. Am Grabe selbst lag ein persönlicher Kranz Konrad Adenauers, mit dem er - oft in erbitterter Gegnerschaft - lange Jahre zusammengearbeitet hatte.


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Letzte Änderung: 13.09.2012
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